Infos über KO-Tropfen

Univ.-Prof. Dr. med. Florian Eyer
Leiter der Abt. für Klinische Toxikologie
Toxikologische Abteilung 
II. Medizinische Klinik
Klinikum rechts der Isar
Technische Universität München

“ Ohne mich inhaltlich auf diesen sehr speziellen Fall beziehen zu können – da mir wichtige Details nicht bekannt sind – kann ich als klinischer Toxikologe mit langjähriger Erfahrung im Umgang mit akut vergifteten Patienten im Suchtbereich folgende Bemerkungen machen:

Die sicherlich am bekanntesten und weit verbreiteten sogenannten „K.-o.-Tropfen“ sind Derivate der Gamma-Hydroxy-Buttersäure bzw. deren Vorläufer wie 1,4-Butandiol oder Gamma-Butyrolacton. Sie werden in der Szene auch unter dem Namen „Liquid Ecstasy“ vertrieben, haben aber freilich nichts mit der Substanzgruppe der Amphetamine (Ecstasy) zu tun, sondern sind vielmehr narkotisch wirkende Substanzen. Für diese Substanzklasse ist eine graduelle Bewusstseinsstörung typisch, die auch häufig zu einer Amnesie führt. Ein Problem dieser Substanzen ist ihre schlechte Nachweisbarkeit, die in aller Regel nur innerhalb der ersten 6 bis maximal 12 Stunden nach Exposition in entsprechenden Körperflüssigkeiten wie Urin oder Blut mit spezifischen Verfahren nachgewiesen werden können. Diese Substanzklasse wird nicht selten missbräuchlich verwendet, um fremde Personen handlungsunfähig oder willenlos zu machen. Sie haben aber auch ein eigenes Sucht- und Rauschpotential und werden daher gelegentlich gezielt zu missbräuchlichen Zwecken von einzelnen Personen willentlich selbst konsumiert.

Neben diesen klassischen Vertretern der „K.-o.-Tropfen“ kommt noch eine Vielzahl weiterer Substanzklassen in Betracht, die eine Verhaltensänderung, Bewusstseinsveränderung oder Amnesie verursachen können. Auch Medikamente wie z.B. die Substanzklasse der Benzodiazepine (z.B. Flunitrazepam) können Amnesien verursachen und bei empfindlichen Individuen auch sogenannte paradoxe Reaktionen hervorrufen, die zum Teil auch in agitiert-aggressiven Verhaltensweisen enden können.

Insbesondere die mannigfaltige und große Klasse der Amphetamin-artigen Substanzen wie Ecstasy, Metamphetamin oder Crystal Meth und die nahezu unüberschaubare Klasse der sogenannten „legal highs“ vermögen Substanz- und dosisabhängig und interindividuell unterschiedlich z.T. bizarre Verhaltensänderungen zu erzeugen. Die eigentlich psychoaktiv stimulierenden Substanzen können je nach chemischer Modifikation z.T. auch stark halluzinogen, entaktogen oder bewusstseinserweiternd wirken. Diese Substanzen leiten sich strukturell von den sogenannten Cathinonen ab und werden u.a. in illegalen Foren über das Internet vertrieben.

Aus unserer klinischen und analytischen Expertise wissen wir, dass häufig die angegebenen chemischen Bezeichnungen nicht immer identisch sind mit den tatsächlich angebotenen Drogen – sich daher die Inhaltsstoffe z.T. erheblich in Konzentration oder Wirkung unterscheiden. So sehen wir klinisch immer wieder sehr aggressive, z.T. halluzinierende und im akuten Rausch auch fremd- oder selbstgefährdende Patienten, die nach Abklingen der Intoxikation keine Erinnerung mehr an das Erlebte oder Geschehene haben.

Aus Erfahrungen mit akzidentellen Überdosen bei „Bodypackern“ kennen wir auch von Kokain eine z.T. sehr aggressive Verhaltensänderung mit Selbst- und Fremdgefährdung – neben anderen potentiell tödlichen somatischen Komplikationen. 

Aber auch die Klasse der sogenannten Kräutermischungen oder „Spice“-Derivate vermögen bei einzelnen Personen bizarre und z.T. extrem aggressive Verhaltensweisen auszulösen, sie können aber auch zu Bewusstseinsstörungen bis hin zum Bewusstseinsverlust oder zu Krampfanfällen führen. Diese Kräutermischungen sind synthetische Cannabinoide, die in entsprechenden „Rauchwaren“ verschlüsselt deklariert angeboten werden. Sie sind als direkte Agonisten am CB-1 Rezeptor deutlich potenter als das in Marihuana oder Haschisch enthaltene THC. 

Inwieweit die doch pharmakologisch und strukturell erheblich unterschiedlichen Substanzklassen zu Rauschzwecken willentlich selbst konsumiert (und ggf. akzidentell überdosiert) werden oder im Sinne eines Fremdbeibringungsaktes zu den teils dramatischen Bewusstseinsveränderungen führen, lässt sich im Nachhinein oft nicht mehr differenzieren.

In jedem Fall gehören die meisten der o.g. Substanzen zu Drogen oder Chemikalien, die sich toxikologisch-analytisch nur sehr eingeschränkt, bisweilen aber auch gar nicht nachweisen lassen. Hierzu sind in jedem Fall Speziallaboratorien erforderlich, die auch gezielt nach diesen Substanzen suchen müssen. Geeignete Analyte sind z.B. Urin- oder Blutproben der Patienten, sofern sie kurze Zeit nach möglicher Exposition abgenommen wurden. Der Markt, in dem die meist illegalen Substanzen vertrieben werden, ist jedoch so dynamisch, dass z.T. wöchentlich neue chemische Modifikationen bekannter Substanzklassen oder –gruppen auf den Markt kommen und dementsprechend analytische Nachweismethoden in der Regel immer hinterherhinken und angepasst werden müssen. Keinesfalls ausreichend ist ein toxikologisches „Routine“-Screening, weil es nur eine sehr begrenzte Zahl in Frage kommender Drogen erfasst und ein selbst hier negativer Befund (z.B. auf Amphetamine) keinesfalls beweisend ist für eine fehlende oder nicht stattgehabte Exposition.“ 

Zusätzliche Informationen aus der Presse finden Sie unter folgendem Link:

Presse-Berichte aus Deutschland zum Thema KO-Tropfen